alte Kirche

               Um die Jahrhundertwende traten die Katholiken Schlüchterns dem Gedanken eines Kirchbauvereins näher und man gründete einen Kirchenbau-Verein. Genannter Verein, an dessen Spitze Dechant Orth in Herolz stand, wandte sich an die Mildtätigkeit der Katholiken Deutschlands. Doch hat Gott, der Herr, den Dechanten Orth zu sich in ein besseres Jenseits abgerufen, ebenfalls zur selben Zeit wurde ein gleichfalls treuer Mithelfer an der guten Sache, Herr Wilhelm Dehler, durch den Tod aus unserer Mitte genommen. An Stelle des Dechanten Orth wurde Pfarrer Richter als Nachfolger berufen, welcher sich mit großem Eifer der frommen Sache widmete und ist es mit Hilfe dieses Hochwürdigen Herrn in einigen Jahren den auf Gott vertrauenden Katholiken Schlüchterns gelungen, ca. DM 20.000 zusammenzubringen. Nun war es der Gemeinde endlich vergönnt, ein kleines katholisches Kirchlein erbauen zu können, was schon so lange der sehnlichste Wunsch eines jeden Schlüchterner Katholiken gewesen ist. Diese Sätze stammen aus der Urkunde, die in den Grundstein der alten St.-Bonifatius-Kirche eingemauert wurde. Eine erste urkundliche Erwähnung über einen Kirchbau in Schlüchtern datiert jedoch bereits vom 1. Mai 1892. Damals schrieb der Uhrmachermeister Karl Flügel an das Bischöfliche Generalvikariat in Fulda: 150 Seelen müssen bei Wind und Wetter nach Herolz zum Gottesdienst, der vorhandene Betraum im Saal der Bierhalle in Schlüchtern ist zu klein. Gottesdienstbesucher in Herolz bekommen deshalb selbst keinen Platz. Antrag an das Generalvikariat wenigstens eine kleine Kapelle errichten zu dürfen. Der Generalvikar hat an Dechant Orth in Herolz geschrieben, sich dazu zu äußern. Am 12.05.1892 schreibt Orth, dass in Erwägung gezogen wird, eine Missionsstation zu errichten.

Pfarrer Richter berichtet selbst:

              Über den Bau der alten St.-Bonifatius-Kirche im neuromanischen Stil lassen wir Pfarrer Richter selbst berichten: Als ich Ende März 1902 nach meiner bekannt gewordenen Versetzung von Marborn nach Herolz den Hochw. Herrn Bischof Adalbert Endert besuchte, sprach dieser im Laufe der Unterhaltung zu mir: "In Schlüchtern werden Sie als junger, kräftiger Mann - ich zählte damals 33 Jahre - an Sonn- und Feiertagen den Gottesdienst zusammen mit Herolz halten müssen". Vordem hatten Franziskaner-Patres von Fulda diesen Gottesdienst in Schlüchtern im kleinen, einstöckigen Bolenderschen Hause in der Grabenstraße - gegenüber der Turnhalle - gehalten. Von Anfang April 1902 - Guter-Hirte Sonntag - hielt ich nach Beendigung des Gottesdienstes in Herolz den Gottesdienst in Schlüchtern. Der Bischof sagte damals weiter zu mir: "Sie werden an zwei Tagen in der Woche den katholischen Schulkindern Schlüchterns Religionsunterricht erteilen." Auch das geschah. "Eine Ihrer Hauptaufgaben ist der Bau eines Missionshauses in Schlüchtern." Auf den bischöflichen Hinweis antwortete Pfarrer Richter zuversichtlich, dass auch dieser Bau mit Gottes Hilfe gelingen werde. 

Seine Notizen über dieses Vorhaben fahren fort: 

               Die cirka 200 Katholiken Schlüchterns trugen sich schon lange mit dem Gedanken des Baues einer Kirche oder eines Missionshauses auf dem von Pfarrer und Dechant Orth in Herolz gekauften und der Gemeinde Schlüchtern geschenkten Platz in den Pfuhlgärten an der Kaiser- und Kronprinzenstraße. Ich fand einen angefertigten Plan eines Missionshauses mit Gottesdienstraum unten und Wohnung oben vor und dachte über die Zweckmäßigkeit und Richtigkeit der Ausführung dieses Planes für Gegenwart und Zukunft nach und kam immer mehr zur Erkenntnis, dass dieser Plan kurzsichtig sei und die Zukunft verbaue. Ich besprach deshalb mit den Mitgliedern des Kirchenbauvereins meinen neuen Plan, der zunächst den Bau der Kirche vorsah und später die Errichtung eines Pfarrhauses. Alle Mitglieder begrüßten diesen Plan, und auch das Bischöfliche Generalvikariat Fulda, dem ich berichtete, gab bald und gern diesem neuen Plane seine Genugtuung. Der junge Architekt Fritz Adam wurde vom Bischof und der Gemeinde mit der Ausarbeitung einer Skizze für eine romanische erweiterungsfähige Kirche mit Turm beauftragt. Die Vorlage einer solchen Skizze, die die erforderliche Genehmigung fand, erfolgte bald. Und nun ging es mutig ans Werk, zunächst an das Sammeln von Geldmitteln. Ich hatte von Marborn und meiner dortigen Sammeltätigkeit für den Marborner Kirchbau viele tausend Adressen wohltätiger Katholiken Deutschlands mitgebracht; diese Katholiken wurden nun erneut für Schlüchtern angerufen, und die Gaben flossen so reichlich, dass man schon für 1903 den Kirchbau, der auf ca. DM 26.000 veranschlagt war, ins Auge fassen konnte. Im Frühjahr 1903 erfolgte die Bauausschreibung, und die Baufirma Lorenz Jökel, Schlüchtern, erhielt den Zuschlag auf Ausführung der Maurerarbeiten. Die Steinmetzarbeit überschritt jedoch den Voranschlag von DM 6.000 um 100 Prozent - die Gesimse und Fensterbänke waren so massig, dass sie ein kräftiges Loch in die Kirchenbaukasse rissen. Jedoch auch dieser Schmerz wurde überstanden. Im Herbst 1903 stand das Schlüchterner Kirchlein, dessen feierliche Grundsteinlegung am 7. Juni 1903 erfolgt war, im Rohbau, im Mai des Jahres 1904 wurde sie, die den Namen des Apostels der Deutschen, des hl. Bonifatius, trägt, eingeweiht.

In den amtlichen Mitteilungen der Diözese Fulda war dann unter "Bischöfliche Amtsfunktionen im Jahre 1904 - Der Hochwürdige Herr Bischof konsekrierte" unter anderem folgendes zu lesen: Mittwoch, den 4. Mai, die Kirche zu Schlüchtern nebst dem Hochaltar auf den Namen und zu Ehren des hl. Erzbischofs und Märtyrers Bonifatius. Reliquien von den hl. Märtyrern Bonifatius (Erzbischof), Alexander und Faustinus wurden in den Altar niedergelegt; das Kirchweihfest wurde bestimmt auf den Sonntag nach Allerheiligen.

Das "kleine Häuflein" der Katholiken in Schlüchtern scheint zur Zeit des Baus der ersten St.-Bonifatius-Kirche in der Öffentlichkeit der Bergwinkelstadt kaum Beachtung gefunden zu haben. Ein Maßstab dafür sind die Veröffentlichungen in der "Schlüchterner Zeitung". Darin war von der Grundsteinlegung für dieses Gotteshaus nichts zu lesen. Am 27. April 1904 erfuhren die Schlüchterner lediglich: "Die neuerbaute katholische Kirche wird Mittwoch, den 4. Mai durch den Hochwürdigen Herrn Bischof von Fulda konsekriert." Eine Berichterstattung über die Einweihung des Gotteshauses gab es nicht. 
Der Frankfurter Architekt Karl Bußjäger hatte einen Plan für eine neugotische katholische Kirche in Schlüchtern entworfen, der jedoch nicht zur Ausführung kam. Bußjäger stritt sich später heftig in schriftlicher Form mit der Bischöflichen Behörde in Fulda, weil er sich nicht gerecht honoriert sah.

Abbruch der alten Kirche

                 Dass in Sachen "Neubau der St.-Bonifatius-Kirche" etwas im Gange war, erfuhr die Schlüchterner Öffentlichkeit am 30. Januar 1961, als in der "Kinzig-Zeitung" stand:

"Seit Jahren schon hat sich infolge des Anwachsen der katholischen Bevölkerung nun die St.-Bonifatius-Kirche als zu klein erwiesen, doch erst seit neuerer Zeit scheint die Absicht einer räumlichen und baulichen Erweiterung oder gar eines Neubaues der katholischen Kirche in Schlüchtern seiner Verwirklichung entgegenzugehen. Zwar wird die Erfüllung dieses großen Wunsches der katholischen Gemeinde insgesamt nicht von heute auf morgen in Erfüllung gehen können - dazu bedarf es erst der Überwindung noch mancher, insbesondere finanzieller Schwierigkeiten, dennoch ist die Hoffnung auf eine räumliche Vergrößerung der Gotteshausverhältnisse heute als in den vergangenen Jahren berechtigt. Anlässlich der Einweihung des Jugendheimes hatte bereits Pfarrer Goeb auf einen diesbezüglichen Planentwurf hinweisen können. Dasselbe Bestreben leitet auch seinen Nachfolger, Pfarrer Klute, zu dessen Hauptaufgabe es wahrscheinlich überhaupt gehören wird, in Verbindung mit dem Bischöflichen Stuhl, Mittel und Wege für das größte Bauvorhaben der Schlüchterner katholischen Gemeinde zu finden“.

Ebenfalls in der "Kinzig-Zeitung" wurde am 1. September 1961 dann der Beginn des Abbruchs der alten St.-Bonifatius-Kirche für den 4. September angekündigt. 
Damals war auch schon zu lesen: 

"Wie Pfarrer Klute bei dieser Gelegenheit betonte, hätten auch die in den vergangenen Jahren vorgenommenen Verbesserungen im Kircheninnern nicht mehr ausgereicht, um bei der angestiegenen Zahl der Gläubigen einen reibungslosen, der Würde des Gotteshauses entsprechenden Verlauf der gottesdienstlichen Handlungen zu garantieren. Den Abbruch der alten Kirche wird die Schlüchterner Baufirma Lorenz Jökel vornehmen, die im Jahre 1903 auch den Rohbau dieser Kirche erstellte. Damals war es Vater Jökel, und heute ist es dessen Sohn. Es ist nur zu verständlich, dass ein solches großes und kostspieliges Bauprojekt, wie es der Neubau einer Kirche ist, nicht ohne die Opferbereitschaft der Pfarrgemeinde durchzuführen ist. Der Neubau der Schlüchterner katholischen Pfarrkirche, zur Ehre Gottes erbaut, ist ja in erster Linie und vor allem für die Gläubigen da. Zwar ist bereits ein kleiner finanzieller Grundstock innerhalb der katholischen Gemeinde für den Kirchenneubau gelegt, doch wird noch die ganze Gemeinde deshalb angesprochen werden müssen, um einen entsprechenden finanziellen Beitrag zu dem großen Bauvorhaben zu leisten. Es sei ein Glück, so meinte Pfarrer Klute zu der Frage des Gottesdienstes in der Bauzeit, dass hierfür das Jugendheim zur Verfügung stehe, dessen Größe der alten Kirche gleichkommt".