Geschichte

Ursprung im Mittelalter

            Im oberen Tal der Kinzig gelegen, nach Osten durch die Rhön, im Süden durch den Spessart und im Westen durch den Vogelsberg begrenzt, hat das Kloster Schlüchtern über Jahrhunderte eine bedeutende Stellung in diesem Gebiet eingenommen

  • ...nicht ganz klar

       Über den Beginn des klösterlichen Lebens in Schlüchtern liegen uns keine eindeutigen Nachrichten vor. Eine Gruppe urkundlicher Zeugnisse mit gesicherten Angaben liegt uns erst aus der Zeit um die Jahrtausendwende vor. Am 12. Dezember 993 stellt Kaiser Otto III. dem Bistum Würzburg eine Urkunde aus, nach der dem Bischof das dem Hochstift entfremdete Kloster Schlüchtern neben verschiedenen anderen Orten wieder zugestellt wird. So wenig sich in diese Frage Klarheit bringen lässt, so sehr wäre jedoch zu sagen, dass es sich beim ersten Kloster in Schlüchtern nur um eine sehr bescheidene monastische Zelle gehandelt haben kann.

  • Voraussichtlich 2. Klostergründung im 11. Jahrhundert

         Wenn also der eigentliche Beginn des monastischen Lebens in Schlüchtern im Dunkeln liegt, so scheint es richtig, von einer zweiten Gründung des Klosters im 11. Jahrhundert zu sprechen. In das frühe 11. Jahrhundert reichen verschiedene Nachrichten, die trotz ihrer zum Teil späten Überlieferung (16. Jhdt.) eine ausreichende Quellengrundlage für diese Annahme sind. Nach einer Schlüchterner Notiz des 16. Jahrhunderts befindet sich »in einem uralten brive« die Nachricht, dass das Kloster Schlüchtern   »est constructum in honorem sancte Marie virgines ab Henrico Vurtzeburgensi episcopo rogatu Richardi abbatis Fuldensis«.

Abt Richard hat am 7. April 1018 sein Amt in Fulda übernommen und Bischof Heinrich I. ist am 14. November 1018 gestorben, so dass der kurze Zeitraum zwischen Amtsantritt des Abtes und dem Tod des Bischofs als Gründungsdatum in Frage kommt. In diese Richtung weist auch die Schlüchterner Tradition, dass das Kloster 1018 »in honorem sancte Marie virgines« Das Patrozinium des Hl. Michael und das Marienpatrozinium.gegründet worden sei. In Schlüchtern bestehen seit dem 11. Jahrhundert zwei verschiedene Patrozinien nebeneinander.  Während es sich bei dem Patrozinium des Hl. Michael um ein typisches Patrozinium der Karolingerzeit handelt, ist das Marienpatrozinium bei den Reformklöstern des 11. Jahrhunderts weit verbreitet. Die Annahme liegt daher nahe, dass Schlüchtern im Zuge seiner zweiten Fundation das von den Reformklöstern bevorzugte Marienpatrozinium angenommen hat, während die mit dem Kloster verbundene Kirche des Hl. Michael als Pfarrkirche weiter bestand.

  • Kloster Schlüchtern wird interessant für politische und kirchliche Mächte

      Neben dem Einfluss der Reformideen wird man aber vor allem die ausgesprochene Grenzlage des Klosters Schlüchtern als Grund für seine rasche Entwicklung im 11. und 12. Jahrhundert anzusehen haben. Dieser Aufstieg des Klosters hatte freilich ein verstärktes Interesse der umliegenden politischen und kirchlichen Mächte zur Folge. Die starken Interessen Würzburgs hatten zur Folge, dass der Einfluss Fuldas in dieser Zeit immer stärker in den Hintergrund tritt. Das Bistum konnte Schlüchtern als eigenen Einflussbereich sichern. Dagegen versuchte das Kloster durch Inkorporation der Schlüchterner Pfarrkirche 1196 den Würzburger Einfluss zu mäßigen, musste aber in einem Vertrag mit dem Archiediakon von Karlstadt 1226 diesem weitgehende Mitsprache bei der Investitur des Pfarrers einräumen. Von größter Bedeutung war aber der für Schlüchtern folgenschwere Aufstieg der Herren von Hanau aus bescheidenen Verhältnissen zu eigentlichen Territorialherren. Weil sich keine der kirchlichen Mächte in diesem Gebiet durchzusetzen vermochten, bahnte sich im Auftreten dieses Geschlechts, durch die Reichspolitik gestützt, der Neuaufbau eines geschlossenen Territoriums, der späteren Obergrafschaft Hanau, an, deren Mittelpunkt und bedeutendste Grundherrschaft das Kloster Schlüchtern bildete.

  • Aufteilung des Klosterbesitzes und steigender Einfluss von Hanau

       Seit Mitte des 14. Jahrhunderts begegnet uns auch in Schlüchtern eine folgenschwere Entwicklung: Es kommt wie an vielen Orten neben dem Pfründenwesen zur Aufteilung des Klosterbesitzes in Abts und Konventstisch. Diese Teilung führte in Schlüchtern zu einem ständigen Streit zwischen Abt und Konvent im 15. Jahrhundert. Eine andere folgenschwere Entwicklung fällt ebenfalls in diese Zeit: Der endgültige Übergang der Vogtei über das Kloster 1377 an die Herren von Hanau und der Ausbau des Hanauer Einflusses im Gebiet der oberen Kinzig bildeten zusammen mit den im 15. Jahrhundert auftretenden Zerfallserscheinungen im Kloster selbst die Grundlage für den zunehmend landesherrlichen Einfluss Hanaus im Kloster Schlüchtern.

  • Der Niedergang des Klosterlebens

      Der Niedergang des Klosterlebens zeigt sich nicht nur im Zerfall der Klosterwirtschaft. Die Quellen lassen auch einen stattlichen Niedergang erkennen. Die Zahl der Konventualen war auf drei Mönche, die sich im Kloster aufhielten, herabgesunken und der Gottesdienst fand nicht mehr regelmäßig statt. Aus dem Jahr 1469 ist eine Klostervisitation überliefert, die einen gewissen Neubeginn des monastischen Lebens bezeichnet, wie er in einem Vergleich zwischen Abt Johannes und dem Konvent von Schlüchtern 1468 vorgenommen worden war. Graf Philipp d. J. hatte eine Zusammenkunft auf dem Steinauer Schloss zustande gebracht, an der neben dem Abt Johannes Gils und dem Schlüchterner Konvent auch »etliche hochgelerte Doctores, Licentiaten in geistlichen rechten, auch Pröbste und Prelaten des obgedachten Ordens« teilnahmen, um über die Reform des Klosters Schlüchtern zu beraten. Der dabei zustande gekommene Vertrag schließt mit einer eindringlichen Ermahnung an beide Seiten zur Beachtung der »heyligen Regeln sanct Benedictus«.

  • Abt Christian I bewirkt Besserung der Verhältnisse

      Abt Christian I, musste zur Sanierung des schwer verschuldeten Klosters Besitzungen in größerem Umfang veräußern. Darunter auch das so genannte Trimbergische Gericht, das einen Pfeiler der klösterlichen Rechte bildete.Wenn es ihm auch nicht gelang, das Kloster zu einem neuen Aufschwung im äußeren Bereich zu führen, weil die Beseitigung der früheren Schäden alle Kräfte forderten, so hat seine Reformtätigkeit doch eine Besserung der innerklösterlichen Verhältnisse bewirkt. Unter diesen durch Abt Christian I. geschaffenen Voraussetzungen konnte es unter der Regierung des Abtes Christian II. Happ zu einer letzten wirklichen Renaissance des monastischen Lebens in Schlüchtern kommen. Der Gottesdienst wurde nach einem Bericht aus dem 16. Jahrhundert wie in den Klöstern der Bursfelder Kongregation gehalten. Der Nachfolger des Abtes Christian II. hebt in einer Beschreibung seiner früheren Klosterjahre nicht nur die Frömmigkeit und kluge Verwaltung seines Vorgängers, sondern auch die treue Erfüllung der gottesdienstlichen Ordnung hervor: »die zeit ward keine mit singen und beten verseumt«. Diese ständige ufwärtsentwicklung wurde durch den Beginn der Reformation in der Grafschaft Hanau und die Einwirkungen des Bauernkrieges unterbrochen. Ohne die unter Abt Christian Happ neu gewonnene Lebenskraft hätten Reformation und Bauernkrieg dem Kloster Schlüchtern sicher ein schnelles Ende gemacht. Unter den neugeschaffenen günstigen Voraussetzungen konnte es aber in Schlüchtern in den Jahren 1534- 1567 zu einer Entwicklung kommen, für die sich in der hessischen Reformationsgeschichte keine Parallele finden lässt. Ein Bericht des späteren Abtes Petras Lotichius über das Jahr 1525 kennzeichnet die Situation treffend: »In den ersten mein jaren wie ich in mein closter kam, vergingen auß den eylff convetualibus, die fürnembsten fünff personen hinweg und ward je länger je ärger, biß auf anno 1525, erregt sich die bawrische auffruhr, stieß dem faß den Boden gar auß. Wie die Auffruren nach vielen Blutvergießen gestillt worden, kamen wir Conventuales ubrigen wieder in unser Closter, nemlich unser sechs dann sie wollten nicht alle wieder hienein, und war in diesem auffrührischen jare ein schreckliche confusion in unserer kirche«.

  • Abt Christian Happ und Konventuale Peter Lotz starkes Engagement für das Kloster

      Noch öfter war in der Folgezeit in Schlüchtern das Gerücht zu hören, dass die Herrschaft Hanau das Kloster aufheben und die Mönche mit dem Klosterhof Lindenberg abfinden wolle. Dass dies zunächst nicht eintrat, war neben der Tatkraft und dem hohen Ansehen des Abtes Christian Happ auch dem Eifer des jungen Konventualen Peter Lotz zu verdanken. Er war 1501 als Sohn des Bauern Lotz aus Niederzell, der den dortigen Klosterhof gepachtet hatte, geboren und nach dem Besuch der hohen Schule in Leipzig 1519 in das Kloster Schlüchtern eingetreten. In den Jahren 1521 1523 hatte er sich in einem der Fuldaer Klöster aufgehalten. Während dieser Zeit schloss er nicht nur Freundschaft mit dem späteren Abt Philipp Schenk zu Schweinsberg, sondern lernte auch die neuen Ideen der Reformatoren durch den Fuldaer Prediger Balthasar Raid kennen, der ihn in den biblischen Sprachen unterrichtete.

  • Lochitius zunächst Pfarrer von Schlüchtern, später Abt im Kloster

      Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1523 übertrug der Abt Christian Happ Lotichius bald das Amt des Pfarrers an der Schlüchterner Michaelskirche. In dieser Zeit bilden sich seine Grundüberzeugungen über die Reform der Kirche und des Klosterlebens heraus, die er als Prior in Schlüchtern ab 1532 und später in den Jahren 1534- 1567 als Abt ins Werk zu setzen suchte. Grundlage seines Programms ist der ernste Wille zur Reform. »Ist gots zorn über unß entbrandt, wie es leider am tag, so wollen wir ynen wiederunmb feschen mit demutigkeit, und Besserung unseres lebens und den armen leuten, welche yr zeitlichs unß mitteilen getziemlich furstand thun zu wollfahrt yrer Leib, Seelen und alles guten«,»und weiß mich des woll zu erinnern, das mein jurament drey puncten furnemlich ynn sich bergreift, nemlich cura animarum, vitam regularem, Bona temporalia non abalienanda.« schrieb er noch als Prior von Schlüchtern 1532. Sein Reformprogramm als Abt bezieht sich auf die Seelsorge in den Klosterpfarreien, das Klosterleben selbst und vor allem auf die Erhaltung des Klosters vor einem Zugriff landesherrlicher Säkularisation: Schon bei seiner Wahl zum Abt 1534 hatte er den anwesenden Hanauer Beamten eine Schrift überreicht, in der die Grafen von Hanau ihrer Schutzpflicht dem Kloster gegenüber erinnert werden und gleichzeitig die alten Freiheiten des Klosters betont werden. Bis zu seinem Tod ist sein Wirken von dem Bemühen bestimmt, das Kloster zu erhalten und die immer wieder auftretende Gefahr der Säkularisation abzuwenden.

  • Lochitius Aufgabe und Ziel: Nachwuchs für Kloster und Pfarreien

      Zunächst ergab sich für Lotichius die konkrete Aufgabe, neue Konventualen für das Kloster und Pfarrer für die zahlreichen Pfarreien zu finden. Dieser Aufgabe hat er sich mit großem Erfolg angenommen. Schon 1540 ist der Konvent trotz der allgemein ungünstigen Bedingungen für das Ordensleben wieder auf über zwanzig Konventualen angewachsen. Seinem ausgeprägten Zug zum Humanismus entsprechend, sah es Lotichius als vordringliche Aufgabe an, die neuen Konventualen durch eine ausreichende Bildung auf ihre Aufgaben in Kloster und Kirche vorzubereiten.

  • Eigene Kirchenordnung sorgt für Konflikt mit Würzburg

      Einen wichtigen Einschnitt in der Entwicklung bildete das Jahr 1543, in dem es zu einem ernsten Konflikt mit dem Bischof von Würzburg kommt, als Lotichius dem Vorbild des Fuldaer Abtes Philipp Schenk zu Schweinsberg folgend eine eigene Kirchenordnung für die Abtei und die Pfarreien des Schlüchterner Landes erlässt. Die Einführung der deutschen Sprache beim Gottesdienst, die Gewährung des Laienkelches und die Erlaubnis des Abtes für die als Pfarrer tätigen Konventualen zur Heirat sind die Hauptinhalte dieser Ordnung. Die Briefe des Abtes aus seinen letzten Lebensjahren sind jedoch in zunehmendem Maße voller Sorge über die Zukunft des Klosters. Er versucht den Kontakt zum Bischof von Würzburg zu intensivieren und verfasst ein Testament, in dem er den Landesherren ermahnt, sich seiner Pflicht zu erinnern, das Kloster zu schützen, nicht aber zu »spolieren«. Durch die Wahl seines Neffen Christian Lotichius zum Koadjutor versuchte der Schlüchterner Abt sein Werk für künftige Zeiten zu sichern und seine Sukzession zu erhalten. All diese Bemühungen waren freilich vergebens. 

  • Nach Lochitius Tod besetzt Hanau das Kloster 1. evangelischer Abt

      Nach seinem Tod 1567 besetzte Hanau das Kloster und ließ durch den Konvent den Pfarrer Siegfried Hett zum ersten evangelischen Abt des Klosters Schlüchtern wählen. Eine zwischen dem neuen Abt und der Herrschaft Hanau getroffene Vereinbarung über das Klosterleben in Schlüchtern bedeutete faktisch dessen Aufhebung. Der Einfluss des Abtes wurde stark gemindert, sein Amt auf das des Schulleiters reduziert, das Kloster wurde von einem Hanauer Beamten verwaltet und das Kirchensilber, das bis zum Tod des Lotichius im Gottesdienst Verwendung gefunden hatte, auf der Frankfurter Messe verkauft.

  • Prozess zwischen Würzburg und Hanau um das Kloster Schlüchtern

      Der Würzburger Bischof Friedrich von Wirsberg und sein Kanzler waren aber nicht gewillt, diese Entwicklung unwidersprochen hinzunehmen. Schon 1568 erreichte Würzburg in Wien die Einsetzung einer Kommission, die in der Schlüchterner Klostersache tätig werden sollte. Dieser Kommission gehörten Abt Wilhelm von Fulda und Graf Ernst von Solms, dessen Stelle dann durch den kurmainzischen Amtmann Peter Echter, den Vater des späteren Bischofs Julius Echter, eingenommen wurde. Später Abt Balthasar von Dernbach und Landgraf Ludwig, von Hessen.
       Verschiedene Tagsatzungen, deren Zustandekommen Hanau immer wieder verzögerte, brachten kein Ergebnis. Auch der von Julius Echter betriebene Reichsaustrag und ein über Jahrzehnte am Reichskammergericht und später am Reichshofrat anhängiger Prozess zwischen Würzburg und Hanau blieben zunächst ohne Erfolg. Wie groß das Hanauer Interesse an Schlüchtern war, zeigt die Tatsache, dass Hanau 1588 nach dem Tod des ersten evangelischen Abtes »uffden notfall«  Soldaten anwerben ließ, um Schlüchtern gegebenenfalls militärisch zu 
sichern. Bischof Julius Echter suchte aber auf jeden Fall nach einer juristischen Lösung der Schlüchterner Frage. Die zahlreichen Treuebekundungen des Abtes Lotichius, seine Teilnahme an den Landtagen und die pünktliche Erlegung der Abgaben, die Würzburg nachweisen konnt, führten schließlich 1624 zum endgültigen Urteil des Reichshofrates. 

  • Lt. Gerichtsurteil siegt Würzburg und Schlüchtern bleibt katholisch

      Am 30.12.1624 überbrachte ein Notar des Reichskammergerichtes in Hanau das Urteil des Reichshofrates, dass Hanau das Kloster genauso zu restutieren habe, »wie es ao 1567 uff ableiben des letzten katholischen abbte Petri Lotichü beschaffen gewesen«. Nach einer Hanauer Protestation und der endgültigen Bestätigung des Urteils am 10.12.1626 wird das in sehr schlechtem baulichen Zustand befindliche Kloster am 23.2.1628 wieder von Würzburger Benediktinern besiedelt. Die äußeren Voraussetzungen schienen jedoch aussichtslos. Das Kloster war schwer verwüstet und in der gesamten Umgebung das reformierte Bekenntnis eingeführt worden. Auffällig ist jedoch die Sympathie der Bevölkerung, mit der die Mönche in Schlüchtern aufgenommen wurden. Die Bauern weigern sich, weiter Frondienste nach Hanau zu leisten und wählen bald nach Ankunft der ersten Benediktiner aus jedem Klosterhof einen Mann, um den Bischof von Würzburg um seinen Schutz zu bitten. Diesem letzten Versuch, das benediktinische Leben in Schlüchtern zu erneuern, hat die Flucht der Mönche vor den heranrückenden Schweden im Jahr 1631 ein rasches Ende bereitet. Das Kloster selbst befand sich in einem so bedauernswerten Zustand, dass der Bischof von Würzburg in einen Vergleich einwilligte, in dem Hanau das Kloster gegen eine Zahlung von 5.000 fl überlassen wurde. Wegen dessen Zahlungsunfähigkeit erhielt Würzburg 1655 schließlich den hanauischen Anteil an den Orber Salzpfannen und das Orber Reisig als Entschädigung für das einst blühende und so vermögende Kloster.

  • Eigene Gottesdienste aufgrund steigender Zahl der Katholiken

Nachdem die Zahl der Katholiken 100 überschritten hatte, wurde im Frühjahr 1892 in Folge einer Eingabe an den Hochwürdigsten Herrn Bischof Weiland in Fulda dem Verlangen stattgegeben und noch im gleichen Jahr der erste Gottesdienst durch Herrn Dechanten Orth in Herolz in einem Saale der Bierhalle abgehalten. Bei der kirchlichen Ausstattung dieses Saales hat sich die Wittwe des Kreisaus-schusssekretärs Patzeldt besonders hervorgetan. In diesem Saale fand der Gottesdienst regelmäßig an jedem Sonn- und Feiertage bis zum Sommer 1893 statt und musste jetzt der Saal geräumt werden. Im Herbst 1893 wurde die Hohmeister'sche Buchdruckerei frei und es wurde die eigentliche Buchdruckerei-Werkstatt die vorher als Kegelbahn diente gemietet und als Betsaal hergerichtet und dient seit dieser Zeit zur Feier des Heiligen Messopfers. Der Gottesdienst wurde durch Dechanten Orth in Herolz bis zum August 1897 regelmäßig abgehalten. Vom August 1897 bis 1898 feierte Kaplan Nüdling, damals in Sannerz, den Gottesdienst. Vom August 1898 wurde derselbe von Franziskanerpatres, der Klöster Frauenberg Fulda und Salmünster vorgenommen bis zum Jahre 1902, zu dem Zeitraum da Pfarrer Richter in Herolz das hl. Meßopfer darbringt.

  • 1892 Missions-Station vorgeschlagen

      Das Anliegen einer besseren Betreuung der Schlüchterner Katholiken lag auch Dechant Orth aus Herolz am Herzen. Er richtete deshalb am 11. Mai 1892 folgendes Schreiben an seinen Bischof:

Schreiben an den Bischof zwecks besserer Betreuung

Schlüchtern gehört zu den bedeutendsten Kreisstädten in der Provinz Hessen-Nassau. Die Zahl der Dörfer, welche auf Schlüchtern angewiesen sind, ist groß, und selbst die drei Städte Steinau, Salmünster und Soden verkehren mehr in Schlüchtern als sonst wo. Es gibt daher in Schlüchtern viele reiche Leute, mehrere hält man sogar für Millionäre. Der Handel und alle Gewerbe blühen sehr daselbst. Es sind daselbst alle Behörden einer Kreisstadt:

  • ein protestantisches Schullehrer-Seminar
  • eine Präparanden-Schule
  • eine Post-Fachschule !
  • ein Progymnasium
  • ein Krankenhaus und eine prot. Rettungsanstalt
  • zwei Sparkassen
  • zwei Buchdruckereien
  • zwei Bierbrauereien und eine Bier-Niederlage der Dech'schen Brauerei
  • eine Dampfkunstmühle
  • eine Schmiedmühle
  • eine Kunstgärtnerei nebst Kreisbaumschule
  • eine Conditorei
  • gegenwärtig fünf Ärzte und eine große Anzahl Geschäftsleute aller Gewebe, dazu zahlreiche große Kaufläden, Wirtschaften, Metzgereien etc.

Die Folge davon ist, dass viele Katholiken in Schlüchtern Beschäftigung finden, und weil sie bei den einwohnenden Protestanten meistens Lauheit, Gleichgültigkeit in religiösen Sachen finden, selbst lau werden. Ein Umstand kommt aber in Schlüchtern dazu, welchen man selten findet, und der schon manche Katholiken bewogen hat, in Schlüchtern Wohnung zu nehmen und die Kinder in die protestantischen Schulen zu schicken. Dieser Umstand besteht darin, dass von dem Klosterfond viele Ausgaben bestritten und die Schulen ganz unterhalten werden. Es werden daher in Schlüchtern keine Zinsen und auch keine Schulgelder bezahlt. Die Kommunalabgaben sind äußerst gering. Ein Handelsmann sagte mir, »Ich wohnte früher in Apolda und zahlte dort jährlich 65 Mark Communalsteuer, hier in Schlüchtern zahle ich jährlich nur 7 Mark«. Evangelische Einflüsse auf die Katholiken müssen verhindert werden! Dazu kommt, dass die protestantischen Schulen in Anbetracht der genannten Verhältnisse sehr leistungsfähig sind, und immer für gute Lehrkräfte gesorgt wird. Aber es lässt sich auch nicht verkennen, dass die Zusammenfassung aller dieser Verhältnisse für die dort ansässigen Katholiken sehr schädlich wirkt. Viele Katholiken leben in gemischten Ehen und lassen ihre Kinder protestantisch erziehen. Es ist sicher, dass je eher je lieber den dortigen Katholiken ein Haltpunkt durch Errichtung einer Missions-Station gegeben werden muss. Viele Katholiken in Schlüchtern sind sehr tüchtig. Ich habe schon lange versucht, ob sich nicht in Schlüchtern ein Haus oder Grundstück für katholische Zwecke erwerben lässt, aber bis etzt noch vergebens, denn wegen dem flotten Geschäftsdrang sind die Häuser etc. dort sehr teuer. Ich bitte nun, Hochwürdiges Bischöfl. General-Vikariat wolle diese Angelegenheit in wohlwollende Erwägung ziehen. Über die Entwicklung der jungen katholischen Gemeinde in Schlüchtern ist - außer den Informationen über Kirchen- Pfarrhausbau - wenig bekannt.  Am 18. Mai 1910 erfolgte die Erhebung von St. Bonifatius zur Pfarrkuratie.

  • Schwierige Situation in der Nachkriegszeit

      Oberstudienrat Bruno Leuschner, der die Seelsorge seit Kriegsende aus eigener Erfahrung kennt, berichtet: "Zu Beginn des zweiten Weltkrieges betrug die Zahl der Pfarrangehörigen 400. In den letzten beiden Kriegsjahren kamen Menschen aus den ausgebombten Städten, besonders aus dem katholischen Rheinland nach Schlüchtern, sodass die Pfarrfamilie auf 700 Mitglieder anwuchs“. 

  • Zustrom an Heimatvertriebenen erschwert die Arbeit des Pfarrers

      Durch den Zustrom der Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands schnellte die Zahl der katholischen Christen in Schlüchtern und den umliegenden Dörfern, die zur katholischen Pfarrkuratie Schlüchtern, gehörten, auf 2.500 hinauf. Das stellte die Seelsorge in der Pfarrei vor neue und schwierige Aufgaben. Es gab anfangs noch keine und später nur wenige Verkehrsverbindungen von den Dörfern her nach Schlüchtern und wieder zurück. Wie sollte denn der Pfarrer mit den Heimatvertriebenen Verbindung aufnehmen, wie sollte er an den Sonntagen für sie die Teilnahme am Gottesdienst ermöglichen? Pfarrer Josef Becker, ein großzügiger und gütiger Mensch tat, was in seinen Kräften stand. Er selbst hatte in sein Pfarrhaus eine so große Zahl Heimatvertriebener und dem Bombenhagel entgangener Menschen aufgenommen, dass es bis unter das Dach belegt war.

  • Zwei weitere Geistliche unterstützen den Pfarrer das erleichtert die Arbeit

      In dieser schwierigen Situation war es ein glücklicher Umstand, dass mit den Heimatvertriebenen auch zwei katholische Geistliche nach Schlüchtern geschickt wurden Pfarrer Storch, der in Elm eine sehr geengte Unterkunft fand und Pfarrer Lindner, der sich in Wallroth niederließ. Beide übernahmen die Seelsorge und die Gottesdienste für die dort wohnenden katholischen Heimatvertriebenen. Pfarrer Lindner betreute auch die neu zugezogenen Katholiken in Hintersteinau. Die evangelischen Pfarrgemeinden und ihre Pfarrer stellten in christlicher Brüderlichkeit großzügig ihre Kirchen für den katholischen Gottesdienst zur Verfügung Dafür sei ihnen auch an dieser Stelle noch einmal herzlicher Dank gesagt.

  • Ab Oktober 1948 dritter katholischer Geistlicher in Schlüchtern

      Als dritter heimatvertriebener katholischer Geistlicher kam ich am 15. Oktober 1948 in die Pfarrkuratie Schlüchtern. Ich wurde vom Regierungspräsidenten in Wiesbaden an das hiesige Ulrich-von-Hutten-Gymnasium geschickt, um katholische Religion, Latein und Philosophie zu unterrichten Die damalige hessische Regierung hatte an allen hessischen Schulen Planstellen für Religionslehrer eingerichtet, die im Einvernehmen mit den Kirchen besetzt wurden, hatten doch die Nazis den Religionsunterricht in den Schulen abgeschafft. Als ich mich gleich am ersten Tage meines Hierseins Pfarrer Becker vorstellte der vor mir den katholischen Religionsunterricht am Gymnasium gegeben hatte, nahm er mich sehr freundlich auf. Er war froh, nun von dieser Aufgabe entlastet zu sein. Zwei Jahre hindurch durfte ich als täglicher Mittagsgast im Pfarrhaus erscheinen, von Mutter Becker immer aufs Beste und Liebenswürdigste versorgt. Neben der Schule beteiligte ich mich soweit das möglich war, an den seelsorgerischen Aufgaben der Pfarrei. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die in der Gemeinde tätigen Ordensschwestern in den ersten Jahren die Katharinenschwestern, später die Schönstattschwestern, durch ihren selbstlosen Dienst mit den von der Caritas zur Verfügung gestellten Mitteln viel Not gelindert und in vieler Hinsicht dazu beigetragen haben, dass sich die Heimatvertriebenen in der Pfarrei angenommen fühlten und heimisch werden konnten. 

  • In den ersten Nachkriegsjahren sind Solidarität und Hilfsbereitschaft groß geschrieben.

      Überhaupt hat man den Eindruck, dass in den ersten Jahren nach dem Krieg, da alle Not litten, die Einheimischen wie die Vertriebenen, die Solidarität zwischen den Menschen und die gegenseitige Hilfsbereitschaft größer waren als heute. Nach etwa drei Jahren verließ Pfarrer Lindner Wallroth und zog, soweit ich mich erinnere, in ein Kloster seines Ordens um. Er gehörte dem Prämonstratenserorden an. Nicht lange nach ihm erhielt Pfarrer Storch eine Pfarrei in einem bayrischen Bistum. Der Bischof von Fulda schickte als Ersatz Pfarrer Gregor Garske, der aus seiner Heimat, der Prälatur Schneidemühl (Westpreußen), vertrieben worden war, nach Schlüchtern. Er und ich hielten von nun an jeden Sonntag die katholischen Gottesdienste in den evangelischen Kirchen von Elm, Hohenzell, Wallroth und Hintersteinau. Pfarrer Garske fuhr einen eigenen Volkswagen. Ich musste mich im Taxi von Herrn Griebel oder von einem anderen Pfarrangehörigen, der ein Auto besaß, zum Gottesdienst fahren lassen. Pfarrer Garske wurde schließlich von Bischof Adolf Bolte Ende des Jahres 1955 die Pfarrei Rothenburg an der Fulda übertragen. Bald darauf erhielt die Pfarrkuratie Schlüchtern ihren ersten Kaplan.

  • VW-Bus erleichtert den Katholiken der umliegenden Gemeinden den Gang zur Kirche

      Die auswärtigen Gottesdienste fanden erst ein Ende, als es Pfarrer Josef Liebermann Ende der 60ziger Jahre gelungen war, vom Bonifatiusverein einen VW - Bus für die Pfarrei Schlüchtern zu erhalten, sodass nun die Katholiken der zur Pfarrei Schlüchtern gehörigen umliegenden Dörfer Sonntag für Sonntag zur Teilnahme am Gottesdienst in ihrer Pfarrkirche abgeholt werden konnten. Inzwischen ist ihre Zahl viel geringer geworden, weil die meisten von ihnen nach Schlüchtern oder an einen anderen Ort umgezogen sind, wo sie Arbeit gefunden haben. Die Heimatvertriebenen taten sich in den ersten Jahren, wie überall in Deutschland, schwer, sich in die ihnen fremden Verhältnisse der kirchlichen und politischen Gemeinde Schlüchtern einzuleben. Aber sie fanden in den meisten Fällen Menschen, die sie verständnisvoll, freundlich und hilfsbereit aufnahmen, sodass die Eingliederung bald gelungen ist.


Heute ist Schlüchtern ihre zweite Heimat geworden.